next – Verein für zeitgenössische Kunst

RitschART

1918 – 1938 – 1968 – 2018
Zeitgenössische Kunstbeiträge zu 100 Jahre
n Geschichte anhand des Gerichtes „Ritschert“

Im vorliegenden Kunst-Koch-Buch ist das heute nur mehr wenig bekannte Gericht Ritschert Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Dabei handelt es sich um das Ende des Ersten Weltkrieges und zugleich der Monarchie im Jahr 1918, den Anschluss an Hitler-Deutschland 1938 und um die Studentenproteste und Bürgerbewegungen 1968.

Das Gericht Ritschert, ein Gerstenbrei mit Fleisch, Bohnen aber auch mit Erbsen und Linsen, wird zum Sinnbild für die durch die historischen Kriegsereignisse und Wirren der Vergangenheit verursachte Armut. Die sehr sättigende Speise galt in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts als Essen der armen und körperlich schwer arbeitenden Bevölkerung. Der lapidare Eintopf, der gerne aus einem Topf gegessen wurde und somit das Gemeinschaftsgefühl stärkte, schmeckt letztendlich besser als sein heutiger Ruf als Armeleuteessen es erwarten lässt.
Eine erste schriftliche Erwähnung des Gerichtes, wenn auch nicht des Namens, stammt von Paolo Santonino, der 1485 im Bericht von einem Essen im Gailtal den achten Gang Gerste in fetter Fleischsuppe nennt. Das Wort wurde erstmals 1534 im Klosterkochbuch von Tegernsee als ru(e)tschart genannt. Das Gericht hat auch Eingang in die jüdische Küche gefunden, wo es mit Gänsefleisch anstatt Schweinefleisch zubereitet wird (Scholet, ‘Gansbiegel’ bzw. Gänsekeule mit Ritschert). In Istrien und Dalmatien ist Ritschert bekannt als „Orzo“. In Norditalien als „Orco“. In Nordkroatien und Slowenien wird es „Ričet“ bezeichnet.

Man kann aus diesem Gericht die gesellschaftliche Entwicklung ablesen und mit Joseph Beuys die Idee der „Sozialen Plastik“ verstehen. Hinter der Forderung der Sozialen Plastik von Joseph Beuys steht die Hoffnung, dass die Kunst als interdisziplinäre Sprache zwischen Natur und Mensch in Bezug auf die bestehende Umweltproblematik vermitteln kann und somit die Verwirklichung in allen Lebensbereichen der Gesellschaft das Leben auf der Erde zum Positiven verändert.

In meinen Vorbereitungen schrieb mir Herr Univ.-Prof. Dr. Günther Jontes folgende Zeilen: „Wort und Sache sind auch früh in Bayern belegt. In Österreich konzentrieren sich die Belege auf Steiermark und Kärnten. Dass die Speise auch in Wien bekannt ist, dürfte auf den Zuzug von Leuten aus den genannten Bundesländern zurückzuführen sein. Mir ist aufgefallen, dass als Fleischbeigabe immer nur von Selchfleisch die Rede ist und Knorpelteile vom Schwein nie vorkommen, wie ich es seinerzeit erlebt habe. Die jetzige Generation kennt es kaum mehr. Ich bekam es in Kindheit und Jugend von Großmutter und Mutter serviert.“

Erstmals nahmen sich fünf bildende Künstlerinnen und Künstler aus Österreich, Italien und Kroatien dieses Gerichtes als Thema an. Barbara Höller, Gerlinde Thuma, Lea Titz, Davide Skerlj und Josip Zanki schufen Zeichnungen, die animiert und Bestandteil ihrer Videoarbeiten wurden. Basierend auf diesen Arbeiten schreibt Dagmar Probst über die kunsthistorische Bedeutung des Essens.
Die gesellschaftliche Entwicklung der Rolle der Frauen ist in diesem Buch von der Zeithistorikerin Karin Schmidlechner beschrieben. Andrea Wolfmayr nähert sich literarisch an das Thema, das durch sie selbst ein Stück Zeitgeschichte ist. Josip Zanki beschreibt in seinem Text seine Erinnerungen an das Gericht „Orzo“ in Dalmatien.

Das Projekt RitschART wurde auch mit dem FH Studiengang Ausstellungsdesign der FH Joanneum unter der Leitung von Prof. Melitta Moschik bearbeitet. Einige Studierende haben auf historische Ereignisse Bezug genommen und Designideen bzw. kurze Videos entwickelt. Einige dieser Arbeiten werden in diesem Buch vorgestellt.

Ich bedanke mich bei allen Beteiligten für die begeisterte Mitarbeit an einem Thema, das ein Gericht zum Ausgangspunkt hat und so ein wenig die Geschehnisse des 20. Jahrhunderts mit zeitgenössischen Ausdrucksformen begreiflich macht.

Viel Freude beim Lesen!
Luise Kloos

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RitschART (English Version)

1918 – 1938 – 1968 – 2018
Contemporary art contributions to 100 year
s of history based on the dish “Ritschert”

In this book, the now little-known dish Ritschert serves as the starting point for a journey through the historical events of the 20th century.  This includes the end of the First World War and the monarchy in 1918, the Anschluss (annexation) to Hitler Germany in 1938 and the student protests and civil movements in 1968.

Ritschert, a stew containing barley porridge with meat and beans, peas or lentils, symbolises the poverty caused by the historical events in a time of war and turmoil. The very filling dish was considered as food for the poor and blue-collar population in the 50s and 60s of the 20th century. This plain stew was often eaten out of one shared pot, thus strengthening the sense of community, and ultimately tastes better than its current reputation as a poor man’s food would suggest.
A first written mention of the dish, if not of the exact name, dates back to Paolo Santonino, who in 1485 reported of a meal he ate in the Gailtal valley in Carinthia that included as the eighth course a fat meat stew with barley. The specific name of the dish was first mentioned in 1534 in the monastery cookbook of Tegernsee in Bavaria as ru(e)tschart. The dish has also found its way into Jewish cuisine, where it is prepared with goose instead of pork (Scholet, ‘Gansbiegel’ or goose thigh with Ritschert). In Istria and Dalmatia, Ritschert is known as Orzo, in Northern Italy as Orco. In Northern Croatia and Slovenia, it is called Ričet.

It clearly shows the social development and provides an understanding for Joseph Beuys’ idea of a ‘Social Sculpture’. The Social Sculpture by Joseph Beuys represents the hope that art can serve as an interdisciplinary language between nature and man and can mediate considering the existing environmental problems. Thus, art should be realisable in all spheres of life of a society and ultimately change life on earth for the better.

During my preparations, Univ. Prof. Dr. Günther Jontes wrote to me the following lines: “Both name and thing are also documented early in Bavaria. In Austria, most evidence is found in Styria and Carinthia. The fact that the dish is also known in Vienna, maybe due to the influx of people from the aforementioned federal states. I noticed that all recipes only mention smoked meat and never gristle parts of pork as I had known it at that time. The current generation hardly knows it anymore. My grandmother and mother made it for me in childhood and adolescence.”

For the first time, five visual artists from Austria, Italy and Croatia approached the subject of this dish. Barbara Höller, Gerlinde Thuma, Lea Titz, Davide Skerlj and Josip Zanki created designs that were then animated and included into their video work. Based on these works, Dagmar Probst writes about the art-historical significance of food.
The social development of the role of women is described in this book by the contemporary historian Karin Schmidlechner. Andrea Wolfmayr approaches the topic from the perspective of literature, which is in itself a piece of contemporary history. In his text, Josip Zanki particularises his memories of the dish ‘Orzo’ in Dalmatia.

The Exhibition Design department of the University of Applied Science FH Joanneum also took part in the project RitschART under the direction of Prof. Melitta Moschik. Various students have referred to historical events and developed design ideas or short videos based on them. Some of these works are introduced in this book.

I would like to thank all those involved for their enthusiastic participation in a topic that has a dish as its starting point and thus makes the events of the 20th century more tangible using contemporary forms of expression.

Enjoy reading!
Luise Kloos